Gutachten/Diagnosen

Es kann Vor- und Nachteile geben, wenn ein LRS- oder Dyskalkulie-Gutachten erstellt wird.

Was spricht für ein Gutachten:

  • Manchmal wird eine Diagnose als Erleichterung empfunden. Die Familie fühlt sich entlastet, weil niemand schuld an den Symptomen ist und weil sie endlich einen Grund weiß, warum ihr Kind sich beim Lesen, Schreiben oder Rechnen so schwertut.
  • Ein ausführlicher Diagnosebericht kann helfen, das Kind zu verstehen und mit dem Übungsprogramm genau da anzusetzen, wo es nötig ist.
  • Zusätzlich kann es in manchen Fällen hilfreich sein, einen vorübergehenden Nachteilsausgleich bei Klassenarbeiten oder Prüfungen zu bekommen. Dazu wird oft ein Gutachten verlangt.

Einige Kritikpunkte: 

  • Leider gehen viele Menschen davon aus, dass diagnostizierte Schwierigkeiten ein Leben lang bestehen bleiben. Das Kind/der Jugendliche/Erwachsene wird fortan mit dem Blickwinkel auf diese „Störung“ gesehen und es ist viel schwieriger geworden für die Familie, an eine gesunde Entwicklung ihres Kindes zu glauben. Wie wir aus der Psychologie wissen, wirkt sich das, was wir von uns denken, ganz enorm auf unser Verhalten aus. Auf Kinder trifft dies besonders zu: Sie werden so, wie sie von den Erwachsenen gesehen werden.
  • Aus verschiedensten Gründen kann ein Testergebnis zustande kommen, das nicht den tatsächlichen Fähigkeiten des Kindes entspricht, z.B. weil die Lese- und Rechtschreibleistung von legasthenen Menschen aufgrund ihrer Wahrnehmung Schwankungen unterliegt. So kann, je nachdem, an welchem Punkt der Leistungskurve das Kind gerade steht, ein unterschiedliches Ergebnis zustande kommen. Zudem werden in Intelligenztests, die in die meisten Legasthenie- und Dyskalkulie-Gutachten einfließen, genau die Sinneswahrnehmungen abgeprüft, die bei legasthenen und dyskalkulen Menschen anders arbeiten. Schlechte Ergebnisse sind hier vorprogrammiert! Und man kann sich kaum vorstellen, wie viel Leid über Familien kommt, die denken, ihr Kind sei dumm. Wie oft fuhr es mir schon in die Magengrube, wenn Eltern mir ihr Kind vorstellten und sagten, sie wüssten nicht, ob Unterstützung helfen könne, denn es sei festgestellt worden, ihr Kind habe einen unterdurchschnittlichen IQ! Selbst wenn der IQ niedrig ist, gibt es immer Entwicklungspotenzial! – Ein verzerrtes Testergebnis kann auch zustande kommen, wenn das Kind den Sinn des Tests nicht verstand oder den Testleiter nicht mochte oder aufgeregt war und es daher nicht richtig mitmachen wollte oder konnte.
  • Oft verstreicht unglaublich viel wertvolle Zeit, bis das Kind Unterstützung bekommt: Immer wieder höre ich von Familien, dass sie viele Monate auf einen Testtermin warten mussten (und danach noch auf die Auswertung) und es verstrich wertvolle Zeit, in der keiner wusste, wie man dem Kind helfen kann. Und auch dann hatten manche zwar ein Testergebnis, aber keine Ahnung, wie sie ihr Kind fördern könnten.
  • Ein großer Nachteil wäre es, wenn die Diagnose als Krankheit oder Störung interpretiert würde, die angeblich dazu führt, dass man hilflos und ausgeliefert sei.
  • Die Gefahr besteht, dass die Ursachen nur noch im Kind gesehen werden! Es geht weder darum, die „Schuld“ im Elternhaus, in der Schule oder beim Schüler zu suchen, sondern darum zu schauen, wie in jedem Bereich unterstützende Bedingungen geschaffen werden können.

Wie ist mit dem Gutachten umzugehen?

  • Das Testergebnis sollte dazu führen, dass Eltern, Lehrer und andere Förderpersonen wissen, wo sie mit der Förderung ansetzen können. Das Ziel ist nicht das Gutachten, sondern dass dem Kind/Jugendlichen/Erwachsenen geholfen wird! Es soll auf keinen Fall beim Gutachten bleiben, sondern die Hilfe ist es, worauf es ankommt. Dies klingt selbstverständlich, ist in der Realität aber leider oft anders.
  • Niemals sollte eine Lese-Rechtschreib-Schwäche oder Rechen-Schwäche jemanden definieren und dazu führen, dass er nur noch sieht, was er deshalb alles nicht kann und wo er Schwierigkeiten hat. Ein Stigma würde die Lernmotivation und das Selbstkonzept ungünstig beeinflussen.
  • Auf keinen Fall dürfen die Defizite in den Mittelpunkt gerückt werden. Jeder Mensch verfügt über Ressourcen und Entwicklungsmöglichkeiten! 
  • Ausgesprochen wichtig ist, dass Sie wissen, dass die Probleme nicht ein Leben lang bestehen müssen. Das Gutachten ist eine Momentaufnahme und in den allermeisten Fällen kann eine Legasthenie oder Dyskalkulie überwunden werden. Es wäre fatal, wenn Kind und/oder Eltern denken würden, dass Lernen sowieso keine Fortschritte bringt.
  • Bei allen Tests und Auswertungsgesprächen ist es unbedingt notwendig, dass das Kind/der Jugendliche/Erwachsene nicht das Gefühl bekommt, etwas stimme nicht mit ihm. Wenn die Person, die den Test durchführt, z.B. sagt „Wir probieren gemeinsam einiges aus, um zu sehen, wie das Lesen und Schreibenlernen für dich leichter werden kann. Bist du einverstanden?“, sind die meisten Kinder schon beruhigt. Wird dagegen nur über das Kind gesprochen oder es ist von Tests und Gutachten die Rede, worunter sich Kinder oft wenig vorstellen können, kann dies Angst auslösen.
  • Bei einer Bescheinigung einer Lese-/ Rechtschreibschwäche oder Dyskalkulie muss auch darauf geachtet werden, dass sich der Schüler nicht darauf ausruht und aufhört, seine Fähigkeiten zu trainieren. Je früher gezielt geübt wird, desto besser und schneller werden sich Fortschritte einstellen.

Falls Sie nicht für die Schule ein Gutachten brauchen, um z.B. einen Nachteilsausgleich zu bekommen, ist zu überlegen, ob ein ausführliches Gutachten überhaupt notwendig ist.

Die meisten erfahrenen Legasthenie- und Dyskalkuliespezialisten können auch ohne standardisiertes Gutachten meist sehr rasch einschätzen, wo mit der Förderung angesetzt werden muss und auch wenn mit der Förderung schon begonnen wurde, können noch gezielt die Punkte abgetestet werden, die fragwürdig sind.

Natürlich muss gewährleistet sein, dass das Kind gut hört und dass andere Ursachen ausgeschlossen sind.